Die isb-online.org-Redaktion führte anlässlich des Jahreswechsels ein ausführliches Interview mit ISB-Vorstand Sebastian Bauer. Er blickt auf 2025 zurück und wagt einen Ausblick auf das neue Jahr.
Wenn Sie das Jahr 2025 in seiner Gesamtheit betrachten – wie würden Sie es beschreiben?
Sebastian Bauer: 2025 war für uns ein Jahr der Klärung. Wir haben viele Dinge, die sich über die vergangenen Jahre entwickelt haben, sehr bewusst auf den Prüfstand gestellt – unsere Strukturen, unser Wachstum, aber vor allem unseren Anspruch an Verantwortung und Verlässlichkeit. Das Ergebnis ist: Wir sind fokussierter geworden. Wir richten unsere Organisation stärker auf das aus, was wir tatsächlich langfristig leisten können – stabil, nachvollziehbar und mit einem klaren Qualitätsanspruch. Das bedeutet auch, dass wir in einzelnen Bereichen bewusst kleiner geworden sind. Ich verstehe das nicht als Rückgang, sondern als aktive Steuerung von Kapazität und Qualität. In einem Umfeld, das immer volatiler wird, ist das aus meiner Sicht die Voraussetzung für echte Leistungsfähigkeit.
Sebastian Bauer: Unser operativer Kern ist weiterhin stabil. Unsere Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit funktionieren, sie werden nachgefragt und wir liefern dort zuverlässig. Strategisch haben wir einen wichtigen Schritt gemacht, indem wir unsere Geschäftsmodelle breiter aufstellen – insbesondere durch eigene, stärker unabhängige Angebote im Bereich bewegungsorientierter Betreuung. Das gibt uns Handlungsspielräume.
Und ein persönliches Highlight war für mich ganz klar unser internationales Programm gemeinsam mit unserer Tochtergesellschaft idealista: „Quo vadis – Jugendarbeit und Sport in Europa?“ Wir konnten dieses Programm erfolgreich abschließen, mit sehr intensiven Partnerschaften und einem echten europäischen Austausch. Besonders wertvoll ist für mich, dass daraus etwas Dauerhaftes entstanden ist: Ein Podcast, in dem wir die zentralen Erkenntnisse aufbereiten und nun Schritt für Schritt auf den gängigen Plattformen veröffentlichen.
Das ist genau unser Anspruch: nicht nur Projekte durchführen, sondern Inhalte schaffen, die bleiben.
Sebastian Bauer: Er kommt aus der praktischen Erfahrung, insbesondere in der Zusammenarbeit mit Kommunen im schulischen Ganztag. Wir erleben dort zunehmend zwei Extreme: Entweder sehr kurzfristige, teilweise stark reaktive Entscheidungen – oder eine kaum wahrnehmbare Steuerung, bei der eine klare Linie überhaupt nicht erkennbar ist. Für eine Organisation wie unsere, die langfristig Verantwortung übernimmt, ist das schwierig. Deshalb entwickeln wir ergänzend eigene Angebote, in denen wir Qualität, Struktur und Verlässlichkeit selbst gestalten können. Das ist kein Rückzug aus der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand, sondern eine bewusste Ergänzung, um unsere Handlungsfähigkeit zu sichern.
Sebastian Bauer: Ja, absolut. Verantwortung bedeutet für mich nicht nur, Aufgaben zu übernehmen, sondern sie so zu erfüllen, dass andere darauf aufbauen können. Es geht um Verlässlichkeit, um Kontinuität und um das Einstehen für das, was man zusagt. Und dazu gehört auch, dass man hinschaut, wenn das nicht passiert. Wir haben im Jahr 2025 sehr bewusst darauf geachtet, wo Verantwortung tatsächlich übernommen wird – und wo nicht. Und dort, wo aus mangelnder Verbindlichkeit konkrete Nachteile entstehen, sei es für unsere Arbeit, unsere Ressourcen oder für Partner, gehen wir dem auch nach. Strukturiert und sauber. Auch, um die daraus entstehenden Folgen transparent zu klären. Das ist kein Selbstzweck, sondern Teil unseres Verständnisses von Führung und von Fairness gegenüber allen, die sich an Vereinbarungen halten.
Sebastian Bauer: Ja, darauf haben wir besonders deutlich geachtet. Wir haben dieses Programm selbst entwickelt, mit dem klaren Ziel, früh Verantwortung zu übertragen und Führung zu ermöglichen. Die Idee halte ich weiterhin für richtig. Ich habe über viele Jahre mit sehr unterschiedlichen jungen Menschen gearbeitet und dabei alles gesehen – von beeindruckender Verlässlichkeit bis hin zu schwierigen Situationen.
Was wir im Exzellenzprogramm erlebt haben, war in dieser Form jedoch neu. In der Gesamtbetrachtung war die Diskrepanz zwischen übertragener Verantwortung und tatsächlich gelebter Verbindlichkeit so deutlich, dass wir eine klare Entscheidung getroffen haben: Wir werden dieses Programm wohl nicht weiterführen. Wer sich auf solche Erfahrungen beruft, wird sich immer daran messen lassen müssen, wie belastbar sein oder ihr Umgang mit Verantwortung tatsächlich ist – nicht an der Funktion, sondern an dem, was daraus geworden ist.
Sebastian Bauer: Es bedeutet vor allem, dass sich manche Annahmen nicht bestätigt haben. Wir haben bewusst viel Vertrauen gegeben, bewusst Verantwortung übertragen und sehr klare Vereinbarungen getroffen. Meine Erwartung war, dass sich daraus eine entsprechende Haltung entwickelt. Das hat sich in dieser Form nicht gezeigt.
Und daraus folgt für mich kein Zweifel am Prinzip – sondern die Notwendigkeit, genauer hinzuschauen, wem man Verantwortung überträgt und wie konsequent man ihre Übernahme einfordert. Am Ende entscheidet sich Führung nicht daran, welche Strukturen man schafft, sondern daran, wie verbindlich in diesen Strukturen gehandelt wird. Und das wird auch von außen wahrgenommen. Wer sich auf solche Erfahrungen beruft, wird sich immer daran messen lassen müssen, wie belastbar sein oder ihr Umgang mit Verantwortung tatsächlich ist.
Sebastian Bauer: Ich würde sagen: formal gut, inhaltlich ausbaufähig. Wir haben viele Gespräche, viele Termine und eine gewisse öffentliche Präsenz. Das ist grundsätzlich positiv. Was ich mir allerdings stärker wünschen würde, ist eine andere Form von sichtbarer und wahrnehmbarer Unterstützung.
Wertschätzung bedeutet für mich nicht nur, dass man präsent ist oder Termine wahrnimmt. Wertschätzung bedeutet, dass man zuhört, dass man Probleme versteht und dass man bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Und da habe ich oft den Eindruck, dass wir als Organisation zwar gesehen werden – aber nicht wirklich gehört.
Sebastian Bauer: Ich glaube, es hat auch mit Wahrnehmung und mit Haltung zu tun. Organisationen wie unsere, die unkonventionell arbeiten und Dinge anders angehen, erzeugen zwangsläufig Diskussionen. Es gibt unterschiedliche Meinungen, es gibt auch kritische Stimmen. Und ich habe manchmal den Eindruck, dass genau das dazu führt, dass man sich nicht zu stark positionieren möchte. Dass man präsent ist, aber sich inhaltlich nicht wirklich einlässt oder sichtbar hinter Themen stellt.
Für uns wäre aber genau das wichtig. Nicht nur, dass man uns kennt – sondern dass man unsere Anliegen versteht, sie aufgreift und auch den Mut hat, sich damit zu zeigen. Ich bin überzeugt, dass viele Organisationen deutlich leistungsfähiger arbeiten könnten, wenn dieses Maß an Unterstützung stärker vorhanden wäre.
Sebastian Bauer: Dass Verlässlichkeit kein Zufallsprodukt ist, sondern das Ergebnis klarer Entscheidungen. Wir haben uns in diesem Jahr sehr bewusst entschieden, worauf wir uns konzentrieren, welche Maßstäbe wir anlegen und wo wir auch Grenzen ziehen. Das hat uns in Teilen kleiner gemacht, aber insgesamt stabiler. Und genau das ist aus meiner Sicht die Grundlage dafür, auch in Zukunft ein verlässlicher Partner zu sein.
Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

